Weinheimer Nachrichten, 30.01.2018, S. 10

Eine junge Generation macht Mut

Erinnerung: Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule befassen sich mit dem Konzentrationslager Buchenwald / Ein stellvertretender Blick anlässlich des nationalen Auschwitz-Gedenktages
Eine junge Generation macht Mut

Weinheim. Ausgemergelte Körper, leere Blicke, Menschen, die mehr tot als lebendig sind. Man hat ihnen alles genommen, sie erniedrigt, viele von ihnen getötet; seelisch und physisch. Es ist der 11. April 1945, das KZ Buchenwald wird von den Amerikanern befreit.

670 Kilometer weiter östlich. In Polen. Die Rote Armee befreit am 27. Januar 1945 das KZ Auschwitz, es steht für das Unfassbare, was Menschen Menschen antun können. Etwa sechs Millionen Juden wurden dort systematisch ermordet, Auschwitz hat sich für immer in die deutsche Seele eingebrannt. Seit 1996 sorgt in Deutschland ein Gedenktag dafür, dass die Erinnerung an das Geschehene als Mahnung für ein „Nie wieder“ steht.

29. Januar 2018. Sechs Schüler der Geschichts-AG der Dietrich-Bonhoeffer-Schule stehen auf der Bühne des Musiktheaters, sie gestalten die zentrale Gedenkfeier in Weinheim. Sie klären auf, mahnen, fordern auf wachsam zu sein und folgen so dem Gedanken des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, der den Gedenktag gesetzlich verankerte – damit die Erinnerung niemals endet.

Die Schüler befassten sich ein halbes Jahr lang mit der Geschichte Buchenwalds und der des Nationalsozialismus und besuchten dazu auch das ehemalige KZ. Gestern nun skizzierten den Weg der NSDAP von der zunächst unbedeutenden Partei über das stetige Aushöhlen der Demokratie hin zur Diktatur, angetrieben von einem völkischen Rassenwahn, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Das Leben oder vielmehr das Dahinvegetieren im KZ Buchenwald wählten sie dabei als stellvertretendes Thema für den Auschwitz-Gedenktag. Denn Buchenwald steht – wie alle anderen von den Nazis betriebene Konzentrationslager – für das Halten von Menschen wie Vieh, für den Kampf wehrloser Menschen um das nackte Überleben. Und das am Rande einer deutschen Kulturstadt, der Heimstätte Goethes und Schillers. Genau diese Diskrepanz zwischen einst hoher Gefühls- und Geisteswelt und dem rauen Stück neudeutscher Gefühlsentfaltung arbeiteten die Schüler sorgfältig heraus. Begleitet von Bildern des Lagers, dem Blick auf das Schild am Eingang mit der zynischen Aufschrift „Jedem das seine“ oder auch ein Bild der Weinheimer Stolpersteine mit dem Namen Tilly Rapp, die deportiert und in Auschwitz ermordet wurde – sie rückten das Persönliche in den Vordergrund und schafften es, das Abstrakte und Unfassbare direkt in das Bewusstsein der Zuhörer zu transportieren. Im Mittelpunkt standen die im Dialog vorgetragenen Erlebnisse eines Häftlings, seine Geschichte orientierte sich an dem selbst Erlebten und an den überlieferten Schilderungen anderer Überlebender.

Bei der Ankunft wurde sein Kopf geschoren, sein Name wurde gelöscht; aus Helmut Thiermann wurde die Nummer 318. Er war einer der vielen, die verschleppt wurden, die tagtäglich Schwerstarbeit, Erniedrigungen, Tritte und Schläge sowie unmenschliche Lebensumstände in den Baracken aushalten mussten. Die im Steinbruch schufteten, Stollen in den Berg trieben, die sich bei all der Schinderei schwer verletzten und als arbeitsunfähig die tödliche Injektion erhielten. Die systematisch ausgehungert wurden und durch die deutsche Gründlichkeit in den Büchern der SS fein säuberlich registriert und inventarisiert waren.

Die Schüler der siebten und neunten Klassen schauten sehr genau auf das Geschehene, auf die Geschichte der rund 250 000 Inhaftierten, von denen mehr als jeder fünfte Häftling starb. Unter ihnen waren auch die, denen gestern in Form ihrer Zitate eine Stimme gegeben wurde.

Eine Stimme, die erinnerte und mahnte und zugleich den Blick auf die heutige Gedenkstätte Buchenwald richtete; ein fast leeres Gelände, das wirkt wie ein Grab. Wo eine Gedenkplatte bewusst im Boden verankert ist; damit jeder, der sie berührt, sich vor den Opfern verneigt. Deren Inneres auf 37 Grad Celsius aufgeheizt ist – Körpertemperatur als ein Symbol des Menschseins an einem Ort der Unmenschlichkeit.

Mit dem Blick zurück spannten die Schüler den Bogen zu dem Hier und Jetzt. Sie appellierten, sich politisch zu bilden und mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Sich gegen rassistisches Gedankengut zu äußern, Extremisten nicht zu unterstützen und vor allem Grundrechte und Freiheiten wertzuschätzen, die heutzutage häufig als zu selbstverständlich betrachtet werden. Forderungen von einer Generation, die Mut macht. sf

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