„Hybridschule“ bis zu den Sommerferien

Weinheimer Nachrichten vom 30. April 2020

Corona-Krise: Rundgang in der DBS vor dem Schulstart am Montag.

Weinheim. Donnerstagvormittag, 9.30 Uhr, an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Weinheim. Es ist still im Schulgebäude, die Gänge sind leer. Kurz hinter dem Eingang steht ein Desinfektionsspender. Wenige Meter weiter fallen Malerkreppstreifen in 1,50 Meter Abstand vor der Schülertoilette erst beim zweiten Hinschauen auf. „Buntes Klebeband war leider nicht zu bekommen“, erklärt Carmen Harmand, die Leiterin des Amtes für Bildung und Sport. Weinheim vor dem Schulstart in Zeiten von Corona.

Andrea Volz, die Leiterin des Gymnasiums an der DBS, übernimmt die Führung durch das Gebäude und erläutert dabei, welche Maßnahmen die Schule ergriffen hat, um die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten zu können. „Wir spüren sehr deutlich die Verantwortung für die Gesundheit unserer Schüler“, sagt sie und man merkt ihr an, dass dies nicht nur eine Floskel ist.

Alle Schulleitungen in Weinheim blicken durchaus mit Sorge auf den kommenden Montag, wenn ein Teil der Schüler wieder zum Unterricht erscheinen wird. „Es wird uns auch unter größten Anstrengungen nicht möglich sein, ein Infektionsrisiko gänzlich auszuschließen“, hatten die Schulleitungen am Mittwoch in einer gemeinsamen Stellungnahme erklärt.
„Ich kann die Sorgen der Schulleitungen sehr gut nachvollziehen“, erklärt Oberbürgermeister Manuel Just, der kurz vorbeischaut. Es sei ein schwieriger Spagat zwischen dem Infektionsschutz auf der einen Seite und dem besonderen Zuspruch, den mancher Schüler gerade jetzt braucht.

15 bis 16 Schulstunden pro Woche

Denn zum Neustart am Montag kommen erst einmal nur die Schüler, die in diesem oder im nächsten Jahr ihre Abschlussprüfungen haben. Wobei „nur“ ein relativer Begriff ist: Allein an der DBS werden ab Montag 410 Schüler wieder zum Präsenzunterricht erscheinen – allerdings nicht alle zur selben Zeit, damit größere Gruppen vermieden werden können. Das gilt übrigens auch für die Pausen.

Unterrichtet werden die Jugendlichen erst einmal nur in ihren Prüfungsfächern, womit sie im Schnitt auf 15 bis 16 Wochenstunden kommen. Man versuche, diese auf drei Tage pro Woche zu verteilen. Die übrige Zeit muss weiter daheim gelernt werden. Es ist gewissermaßen die Geburtsstunde einer neuen Schulform: Mindestens bis zu den Sommerferien müssen sich die Schüler darauf einstellen, dass sie eine „Hybridschule“ besuchen – also eine Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht.

Andrea Volz muss bei diesem Begriff schmunzeln. „Das passt“, sagt sie und biegt in das Musiktheater der DBS ab, wo bereits die Tische und Stühle für den Unterricht in den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch stehen. „Unsere Hausmeister haben den Mindestabstand genau ausgemessen“, betont die Schulleiterin.

25 Schüler können hier gleichzeitig unterrichtet werden – das ist ein Luxus, den nicht jede Weinheimer Schule zu bieten hat. Denn neben den Vorschriften zum Mindestabstand müssen weitere Regeln des Muster-Hygieneplans des Landes Baden-Württemberg beachtet werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Räume ausreichend gelüftet werden können.

Aktuell gibt es im Gymnasium noch keine Einbahnstraßenregelung für die Laufwege der Schüler, da die Flure hier breit genug sind. An der DBS-Werkrealschule ist das schon anders, wie deren Leiter Frank Bausch erläutert: „Unsere Flure sind teilweise nur 2,20 Meter breit. Deshalb werden wir dort in der Mitte Trennwände aufstellen und haben die Laufrichtungen entsprechend ausgeschildert.“

Alles etwas schräg

Auch bei den Klassenzimmern muss improvisiert werden. Maximal elf Schüler finden in dem Raum Platz, der als Nächstes besichtigt wird. Allerdings passen auch nur dann so viele Jugendliche hier hinein, wenn sie nicht in Richtung der an der Wand montierten Tafel sitzen. Das Lehrerpult ist auch anders angeordnet, damit die Lehrkraft nicht direkt in Richtung der Schüler spricht. Alles etwas schräg – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Eine mobile Tafel mit größerem Abstand zur ersten Schülerreihe komplettiert dieses Corona-Klassenzimmer.

In der Regel soll eine Gruppe immer im selben Klassenzimmer bleiben. Aber wenn doch mal ein Ortswechsel erforderlich ist, dann müssen die Oberflächen desinfiziert werden, bevor die nächste Gruppe in den Raum darf. Reinigungsfirmen werden nach Auskunft von Carmen Harmand ohnehin mehrmals am Tag Türgriffe, Lichtschalter und Handläufe desinfizieren. Auch die Toiletten stehen natürlich weit oben im Hygieneplan. „Ausreichend Seife ist an allen Schulen ebenfalls vorhaben“, versichert Carmen Harmand.

Es sind unglaublich viele Details, die bedacht werden müssen, wenn man in Zeiten einer Pandemie eine Schule wieder langsam in Betrieb nehmen will. Dazu gehört auch die Einsatzplanung der Lehrer. Längst nicht alle können derzeit zum Unterricht zurückkehren, weil sie selbst oder Angehörige, die in ihrem Haushalt leben, zu einer Risikogruppe gehören.

Viele Lehrer fallen aus

Das trifft die Weinheimer Schulen in ganz unterschiedlicher Weise: Während am DBS-Gymnasium weniger als 15 Prozent der Lehrer vorerst daheim bleiben müssen, sind es an der DBS-Werkrealschule 50 Prozent. Bei den Schülern ist dieser Anteil zum Glück deutlich niedriger, wie die Schulleiter bestätigen. Andrea Volz weiß bisher von drei Schülern am Gymnasium, Frank Bausch von einem Schüler an der Werkrealschule.

Trotzdem wird an der DBS dringend empfohlen, dass die Schüler beim Ankommen und beim Aufenthalt in den Fluren oder auf dem Pausenhof Alltagsmasken tragen. Nur in den Klassenzimmern können die Masken – nach dem Hinsetzen – abgenommen werden, da dort der Mindestabstand auf jeden Fall eingehalten werden kann.

Umarmungen verhindern

All jene, für die am Montag der Präsenzunterricht wieder beginnt, seien bereits von ihren Lehrern über die Regeln und Abläufe informiert worden. Dabei sei man sich bewusst, dass man nach dem ersten Tagen wahrscheinlich noch einmal nachjustieren muss. Denn nicht alles lässt sich planen.

„Der spannendste Moment wird am Montagmorgen sein, wenn die Schüler ankommen“, ist sich Andrea Volz sicher. Hier werde man mit zahlreichen Lehrkräften Präsenz zeigen, um Umarmungen und Küsschen der Schüler untereinander zu verhindern, auch wenn jeder Verständnis für den Wunsch hat – nach der langen Zeit, in der sich die Jugendlichen nicht mehr treffen durften.

Wann die anderen Klassen wieder in die Schulen zurückkehren, ist noch völlig offen. Andrea Volz wagt aber eine Prognose: „Vor den Pfingstferien kann ich mir das auf keinen Fall vorstellen.“

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