„Wollen die Geräte nicht verstauben lassen“

Weinheimer Nachrichten vom 01. Oktober 2020

Digitalisierung: Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium will alle Schüler ab der achten Klasse mit Tablets ausstatten / Wenn Eltern kein Gerät kaufen können oder wollen, kommen Leihgeräte zum Einsatz

Weinheim. Der Digitalisierungsschub an Schulen ist in Weinheim angekommen. Auch dort, wo sich die Lehrkräfte schon länger intensiv mit dem Thema befassen. Wie zum Beispiel am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG). Mit dem Förderpaket des Bundes, das in der Zeit der Schulschließungen beschlossen worden war, wurden von den Schulträgern eigene Tablets angeschafft, sodass auch diejenigen ein Endgerät zur Verfügung haben, die kein privates besitzen. „Uns wurde aber schnell bewusst, dass wir die Geräte nicht im Schrank verstauben lassen möchten, bis sie irgendwann gebraucht werden“, sagt Tobias Tempel, Abteilungsleiter Mathematik und Naturwissenschaften am DBG.

Dem DBG kommt zugute, dass nicht nur das persönliche Engagement der Lehrer groß, sondern auch Erfahrung vorhanden ist. Ein Grund: die Tabletklassen. Mit dem Beginn des neuen Schuljahres haben 50 Schüler der Klassenstufe acht an dem bereits erprobten Projekt teilgenommen, bei dem der Unterricht auf den Endgeräten aufgebaut wird. Mitschreiben, Präsentationen erstellen, im Internet recherchieren – all das können Schüler auf von den Eltern gekauften iPads erledigen.

„Unabhängig von Corona“

Neben den Tabletklassen, in denen ohnehin jeder Schüler ein eigenes Gerät besitzt, sollen nun alle Schüler der Klassen acht bis zwölf ausgestattet werden – entweder mit einem privaten oder geliehenen Gerät. „Wir haben dazu eine Umfrage unter den Eltern gemacht, um festzustellen, wer seinem Kind ein eigenes Tablet kaufen kann und möchte“, erklärt Lehrer Fabian Bergwitz. Aus den bisher eingegangenen Antworten gehe hervor, dass über ein Drittel der Eltern ihrem Kind ein Gerät kaufen würde. Bei 20 Prozent sei bereits ein eigenes vorhanden, 22 Prozent benötigen ein Leihgerät. Eine Begründung hinter dem Vorhaben: „Je mehr Klassen ausgestattet sind, desto unabhängiger sind wir von den Corona-Ereignissen“, erklärt Bergwitz.

Viele Schulen waren während der Schulschließungen auf sich alleine gestellt und mussten sich zum ersten Mal mit Lernplattformen, Videokonferenzprogrammen und E-Mail-Verteilersystemen auseinandersetzen. Die Empfehlungen vom Bundesland waren dabei nicht immer hilfreich. Ein Beispiel: Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat die Nutzung der Lernplattform „Moodle“ bevorzugt. Diese sei jedoch restriktiv und unflexibel, weshalb sich das DBG für „Schoolwork“ entschieden hat. Gearbeitet wird „cloudbasiert“, die Schüler greifen mit ihren Tablets auf einen Server zu, auf dem alle Daten gespeichert werden. Das spart Speicherplatz auf den Geräten und ermöglicht, große Datenmengen zu übertragen. „Bei Moodle liegt die Upload-Begrenzung bei einem Megabyte. Heutzutage ist jedes Foto größer“, erklärt Bergwitz.

Thema „Chancengleichheit“

Der Fachlehrer, der nebenbei auch zertifizierter „Apple Teacher“ ist und somit die vielen Möglichkeiten der Geräte kennt und umsetzen kann, ist froh über die Gestaltungsfreiheit, die sein Kollegium hat – denn die Schulen in Baden-Württemberg können selbst entscheiden, welche Plattformen und Programme sie nutzen. Was auf der anderen Seite bedeutet, dass Schulen ohne engagierte Lehrer in Sachen Chancengleichheit möglicherweise hinterherhinken. Sollte es also eine Einheitslösung geben? „Das wäre schon wünschenswert, aber nur, wenn das auch gut läuft“, sagt Bergwitz. Gerade während der Schulschließung musste auch er feststellen, dass die empfohlenen Programme nicht optimal sind. Bergwitz glaubt an Musterlösungen, die das Land anbieten wird. Doch die Schulen werden die Freiheit behalten, sich davon wegzubewegen.

Am DBG nutzen die Klassen die Apple-Anwendung „Schoolwork“, mit der sich interaktive Aufgaben erstellen lassen, die von den Schülern auch gemeinschaftlich erledigt werden können – ganz gleich, ob der eine in Quarantäne sitzt und der andere im Klassenzimmer. „Ortsunabhängiges Arbeiten wird dann wichtig, wenn wieder längerfristige Schulschließungen kommen sollten“, ist sich Bergwitz sicher. Andernfalls gingen den Schülern wichtige Lerninhalte verloren.

Haben die Schüler Aufgaben bearbeitet, können sie die Ergebnisse im virtuellen Lernumfeld einstellen. Die Lehrkräfte rufen diese auf und machen Anmerkungen direkt per aufgenommener Sprachnachricht, die sich der Schüler auf seinem Gerät anhört. All dies sei aber kein „Muss“, Schüler und Lehrer entscheiden, wie digital sie den Unterricht gestalten. Um die Netzwerksicherheit und Kompatibilität zu gewährleisten, werden die privaten Tablets im Schulnetzwerk registriert. Es wird sichergestellt, dass zwischen 8 und 16 Uhr ausschließlich die für den Unterricht notwendigen Apps laufen. Bei den Leihgeräten sind diese Restriktionen dauerhaft aktiv, es können von den Schülern also keine anderen Anwendungen installiert werden.

Das Netzwerk schonen

Diese Beschränkungen dienen nicht nur der zweckorientierten Nutzung, sondern schonen auch die Auslastung des Schulnetzwerks, das nur für eine gewisse Datenmenge ausgelegt ist. Werden zum Beispiel in der Schule Filme gestreamt, beeinflusst das unter Umständen die Funktionalität aller anderen Zugreifer. Ab Sommer 2021 soll an der DBS im Rahmen des Digitalpakts das Netzwerk ausgebaut sein, dann können bis zu 4000 Geräte getragen werden.

Nun gibt es an der Bonhoeffer-Schule weitere Schularten, die nicht auf demselben technischen Stand sind wie das Gymnasium. „Die Kollegen haben auch den Sinn erkannt, hier zu investieren und Arbeitsstunden zur Verfügung zu stellen. Wir tauschen uns aus und teilen unserer Expertise“, sagt Tempel.

Eine Vollausstattung könnte auch an der Real- und Werkrealschule funktionieren. Zum einen, weil die Stadt ein höheres Kontingent an Leihgeräten für möglicherweise einkommensschwächere Familien eingeplant hat. Zum anderen zeigen sich auch hier die Familien bereit, ihre Kinder mit einem Gerätekauf zu unterstützen: „Der Zuspruch beim Eigenkauf ist hier nach Umfragen der Kollegen sogar höher als bei uns“, sagt Tempel.
ppf

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